Stellen Sie sich vor, jemand liest Ihnen Ihre Website vor. Nicht den Text. Die Bilder. Bei jedem Foto hören Sie: „Bild_2847_final_v3_kopie.jpg“. Kein Motiv. Keine Botschaft. Nur ein technischer Dateiname, vorgetragen von einer ruhigen Roboterstimme. So klingt eine Seite ohne Alternativtexte. Für alle, die einen Screenreader nutzen. Für jeden Browser, der gerade kein Bild lädt. Für jeden Crawler, der Ihre Inhalte einordnen will. Der ALT-Text ist die Stimme, die einspringt, wenn das Bild verstummt.

Wenn ein Bild nicht lädt, erklärt der ALT-Text den Inhalt und macht die Bildinformation für Screenreader zugänglich.
Was das ALT-Attribut wirklich tut
Technisch ist es schnell erklärt: Das alt-Attribut liefert eine textuelle Alternative für nicht-textuelle Inhalte. Bei ist es Pflicht. Bei
wird es zur Schaltflächen-Beschriftung. Bei in Image-Maps macht es Hotspots erst zugänglich. Aber die HTML-Spezifikation ist nicht der Grund, warum dieser kleine Text mehr Aufmerksamkeit verdient als jede Hochglanz-Headline. Der Grund ist menschlich. Und seit Sommer 2025 auch juristisch.
Vier Gründe, warum ALT-Texte nicht verhandelbar sind
Barrierefreiheit. Die WCAG 2.2 fordert in Erfolgskriterium 1.1.1 eine gleichwertige Textalternative für jeden nicht-textuellen Inhalt. Ohne alt schließen Sie Menschen aus, die Ihre Inhalte über Screenreader, Braille-Zeilen oder Spracheingaben nutzen. Allein in Deutschland sind das mehrere Millionen Menschen. Recht. Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Es betrifft nicht mehr nur Behörden, sondern auch Online-Shops, Banken, Buchungsplattformen und viele weitere kommerzielle Websites. Wer nicht liefert, riskiert Bußgelder bis zu 100.000 Euro. Die BITV 2.0 bleibt parallel verbindlich für den öffentlichen Sektor. Ausgenommen vom BFSG sind Kleinstunternehmen unter zehn Beschäftigten und zwei Millionen Euro Jahresumsatz, sofern sie keine entsprechenden Produkte herstellen oder vertreiben. Robustheit. Bilder fallen aus. Netzwerke versagen, Inhaltsblocker greifen, Server geben den Geist auf. Wenn das passiert, hält der alt-Text die Kernaussage am Leben. Browser-APIs greifen ihn programmatisch ab. Er ist die Lebensversicherung Ihrer visuellen Kommunikation. Auffindbarkeit. Google liest alt-Texte. Bei verlinkten Bildern verwendet die Suchmaschine den Alternativtext sogar als Ankertext. In der Bildsuche entscheidet er mit darüber, ob Ihr Foto überhaupt auftaucht. Keyword-Stopfen schadet allerdings. Wer mit dem Crawler spricht und den Menschen vergisst, verliert beide.
Wie Browser und Screenreader alt verarbeiten
Drei Zustände, drei sehr unterschiedliche Konsequenzen: Nicht-leerer alt: Wird als zugänglicher Name vorgelesen. Erscheint als sichtbarer Fallback, wenn das Bild nicht lädt. Leerer alt (alt=""): Sagt Hilfstechnologien: Hier gibt es nichts, das relevant wäre. Das Bild wird übersprungen. Wichtig: dabei niemals zusätzlich ein title setzen (siehe Technik H67). Fehlender alt: Verstößt gegen die Anforderungen. Screenreader greifen dann oft auf den Dateinamen zurück. Das Ergebnis kennen Sie schon aus dem Eingangsszenario.
Die Anwendungsmuster, die wirklich zählen
Statt elf Sonderfälle merken Sie sich vier Grundtypen. Wer diese vier beherrscht, deckt 95 Prozent aller Bilder ab.
1) Informative Bilder: Objekt, Handlung, Kontext
Der ALT-Text beschreibt, was inhaltlich zu sehen ist. Knapp. Konkret. Ohne Vorrede. Schlecht: „Bild von einem Windpark“. Gut: ein klarer Satz, der das Wesentliche trägt. Niemand braucht das Wort „Bild“ oder „Foto“. Screenreader kündigen das ohnehin an.
2) Funktionale Bilder: Aktion statt Optik
Wenn ein Bild ein Link oder Button ist, beschreibt der alt-Text die Funktion. Nicht das Aussehen.
Nicht: „Briefumschlag-Icon“. Sondern: was beim Klick passiert. Bei verlinkten Bildern wird der Alternativtext gleichzeitig zum Ankertext für Suchmaschinen. Zwei Fliegen, ein präziser Satz.
3) Dekorative Bilder: stummschalten
Trennlinien, Ornamente, Stockfotos ohne Botschaft. Sollen die vorgelesen werden? Nein. Leerer
alt, ohne title. Das ist keine Schludrigkeit. Das ist Höflichkeit.
4) Komplexe Darstellungen: Kurzfazit plus Langbeschreibung
Diagramme, Karten, Infografiken. Ein Satz reicht selten. Die Strategie: Kurzfazit in alt, Details daneben oder darunter.

Die ausführliche Erläuterung mit den Treibern jedes Quartals folgt hier …
Wichtig: figcaption ergänzt alt. Es ersetzt ihn nicht. Und es sollte nicht wortgleich sein, sonst hören Screenreader-Nutzende denselben Inhalt zweimal.
Drei Begriffe, die ständig verwechselt werden
Hier macht sich Verwirrung breit. Räumen wir auf: alt ist die Textalternative. Sie wird vorgelesen und springt ein, wenn das Bild fehlt. title ist der Tooltip beim Hover. Screenreader unterstützen ihn unzuverlässig, Touch-Geräte zeigen ihn gar nicht. Er ersetzt niemals alt. figcaption ist die sichtbare Bildunterschrift. Für alle lesbar. Ergänzung, kein Ersatz. Die Regel: alt trägt die Information. figcaption trägt den redaktionellen Kontext. title trägt selten etwas Wertvolles.
Sonderfälle, die häufig schiefgehen
SVG-Grafiken. Inline-SVG hat kein alt-Attribut. Geben Sie dem ein role="img" und ein Label (per aria-label oder im SVG). Bei reiner Dekoration: aria-hidden="true". CSS-Hintergrundbilder. Tragen keine Information für Screenreader. Was inhaltlich wichtig ist, gehört in semantisches HTML. Hintergrundbilder sind für Dekoration. Punkt. Logos. Meist der reine Firmenname als alt. Bei verlinkten Logos beschreiben Sie das Ziel: „Startseite Muster GmbH“. Bild-Eingaben. braucht ein alt, das die Aktion benennt: „Angebot anfordern“, nicht „Button-Grafik“. Image-Maps. Jedes Element mit href braucht einen eigenen alt-Text, der das Ziel beschreibt, nicht die geometrische Form.
Die häufigsten Fehler
altfehlt komplett. Folge: Screenreader lesen Dateinamen vor. Validierungs-Tools schlagen Alarm.titleals Ersatz. Funktioniert nicht. Auf Touch-Geräten gar nicht.- Floskeln statt Inhalt. „Bild“, „Foto“, „Grafik“ als alleiniger
alt-Text. Das ist kein Alternativtext. Das ist eine Ausrede. - Doppelung mit
figcaption. Wenn beide identisch sind, hören Nutzende die Information zweimal. Verschwendung. - Keyword-Stuffing. „Kaffee online kaufen bester Kaffee Shop Berlin“. Das Bild zeigt Kaffee. Schreiben Sie das. Suchmaschinen sind heute schlauer als Marketing-Mythen aus 2012.
- CSS-Background für inhaltliche Bilder. Wichtige Hinweise als reines Hintergrundbild sind für Screenreader unsichtbar und für die Suchmaschine kaum lesbar.
SEO: Was wirkt, was schadet
Der alt-Text hilft Google, Bildinhalt und Seitenkontext zu verstehen. Er ist ein Signal für die Bildsuche. Bei verlinkten Bildern wird er als Ankertext gewertet. Was wirkt:
- natürliche, beschreibende Sprache
- Kontextpassung zum umliegenden Text
- Aktion oder Ziel bei funktionalen Bildern
Was schadet:
- Keyword-Listen ohne Lesefluss
- generische Füllwörter
- identische Phrasen über Dutzende Bilder
Schreiben Sie für Menschen. Crawler verstehen guten Text.
Drei Fragen vor jedem ALT-Text
Bevor Sie schreiben, prüfen Sie:
- Trägt dieses Bild Information? Wenn nein:
alt="". - Hat es eine Funktion (Link, Button)? Dann beschreiben Sie die Aktion, nicht das Bild.
- Ist es komplex? Dann gehört eine Langbeschreibung daneben oder darunter.
Dann erst formulieren. Ein präziser Satz reicht meistens.
Testen, statt hoffen
Manuell: Laden Sie Ihre Seite mit deaktivierten Bildern. Was bleibt verständlich? Was fällt weg? Spüren Sie der Stille nach. Automatisiert:
- Lighthouse in den Chrome DevTools meldet fehlende
[alt]-Attribute. - axe-core findet fehlende Alternativtexte und Redundanzen.
- Der WAI-Entscheidungsbaum hilft im Einzelfall, den richtigen
alt-Typ zu wählen.
Drei Tools, ein Nachmittag Arbeit, und Ihre Bilder sind in besserer Verfassung als die der meisten Wettbewerber.
Die unbequeme Wahrheit
ALT-Texte sind keine SEO-Spielerei. Sie sind keine Höflichkeit. Sie sind die Grundausstattung jeder Website, die für Menschen gedacht ist, und nicht nur für jene, die zufällig sehen können. Sie kosten Sie pro Bild zehn Sekunden. Sie ersparen Ihnen im Ernstfall 100.000 Euro Bußgeld. Und sie öffnen Ihre Seite für ein paar Millionen Menschen, die sonst draußen bleiben. Hören Sie sich Ihre Website einmal mit aktiviertem Screenreader an. Was Sie dort hören, ist die Wahrheit über Ihre ALT-Texte.
